18. 11.2011
Lebenswege und Perspektiven der Geisteswissenschaften
Zwei Themenkomplexe: 1)Familie und wissenschaftliche Karriere
2)(wissenschaftliche) Karriere außerhalb der Universität
Dr. Marcel Lepper (Leiter des Forschungsprogramms im Literaturarchiv Marbach -> verantwortlich für Projektarbeit, Konferenzen und Stipendien des Literaturarchivs)
Die zwei Gesichter der Geisteswissenschaft
Literaturarchiv Marbach -> Wie ist das Verhältnis von Wissenschaft und Kunst?
Literatur Archiv Marbach befasst sich mit der Genese aber auch Sammlung von Literatur seit 1750, vereint also Wissenschaft und Kunst. Steht in ständiger Kommunikation mit diversen Öffentlichkeiten, dennoch wird intensive Forschung betrieben. Es umfasst Archiv, Forschungsinstitut und Museum. Es handelt sich dabei um ein offenes Archiv, umfasst bspw. die Sammlung Suhrkamp.
Biographisches
1. Janusköpfigkeit der Geisteswissenschaften, nämlich „musisches Gesicht und szientifisches Gesicht“.
Dr. Marcel Lepper versuchte stets beide „Systeme und deren Brüche“ kennenzulernen. Dies war erhellend für seinen Lebensweg, allerdings, so Lepper, könne ein solcher Weg, im Rahmen von stark disziplinär ausgerichteter Forschung, auch risikoreich sein.
2. Frustrationserfahrung
Asymmetrie (in Massenstudiengängen) zwischen Lehrenden, die gefühlt seit Jahrhunderten das Gleiche dozentieren und bspw. Erstsemster_innen. Diese und andere Frustrationserfahrungen öffnen auch neue Potentiale und neue Wege. Man kann auch Dinge tun, ohne dass bereits alles vorstrukturiert vorgegeben wurde. Marcel Lepper tat dies bspw. während seiner Dissertationsphase, in der er Soireen und Tagungen organisierte.
3. Internationalisierung
Besteht nicht nur daraus, „mal ein Jahr ins Ausland zu gehen“, wie Karriereplaner das empfehlen. Im Forschungsalltag wird man mit weitaus stärkeren Internationalisierungserfahrungen konfrontiert, die auch den Blick für verschiedene Wissenschaftssysteme offenbaren.
Zusammenführung: Im Wissenschafts- und Forschungssystem gibt es Gestaltungsspielräume, Lern- und Frustrationserfahrungen. Ferner kann man in Forschungsprozessen (insb. in geisteswissenschaftlichen und solchen, die mit (viel) Material zu tun haben) Heuristiken und Qualitätsstandarts entwickeln.
Früher hat man im Archiv einfach immer alles gesammelt und dachte: „Irgend wen wird’s schon Interessieren“. Man muss aber wissenschaftliche Interessen auch mit Fördermaximen kombinieren und Vernetzung betreiben. Vernetzungs- und Kooperationsinteresse von geisteswissenschaftlicher Forschung und (öffentlichen) Instituten ist groß.
Dr. Andreas Hoffmann (Leiter des Buccerius Kunst Forums in Hamburg, Dozent für Medienmanagement)
Brückenbauen
„Kultur und Kreativwirtschaft in Deutschland – Eine attraktive Zukunftsperspektive für die Geisteswissenschaften“
Die Kultur- und Kreativbranche (umfasst elf Branchen der Kultur-und Kreativwirtschaft, auch Softwareprogrammierung) ist eine Zukunftsbranche: Kultur- und Kreativwirtschaft setzt gegenwärtig Güter und Leistungen im Wert von 60 Mrd Euro um. Prognose für 2020: 175.000.000.000 Mrd Euro.
„Geisteswissenschaft bringt einen einzigartigen Rucksack an Problemlösungskompetenzen mit sich“. Allerdings soll man „strategisch“ vorgehen, bspw. Jura oder BWL als Nebenfächer während des Studiums wählen und Praktika machen.
Geistige Flexibilität, kommunikative Fähigkeit analytische Kompetenzen sind zwar Kernkompetenzen derGeisteswissenschaftler_innen, aber auch kein Automatismus – sie müssen erarbeitet werden.
Geisteswissenschaftler als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Publikum
Biographisches
Karrierewechsel durch Netzwerke, Zusatzqualifikationen und konkrete Berufserfahrungen
Wissenschaft-> Museum -> PR -> PR im Museum -> Kulturmanagement (Programmleiter)
Geisteswissenschaften in den Kulturinstitutionen: Geisteswissenschaftler_Innen bauen Brücken zwischen Kulturen, Zeiten und Räumen (gerade in der Globalisierung).
Kein Land der Welt hat so eine große Dichte an Kulturinstitutionen wie Deutschland, bspw. 6800 Museen. Allerdings haben bspw. 2603 Museen nur weniger als 5000 Besucher im Jahr. 6000 Museen bieten ca 30.000 Arbeitsplätze (aber diese Zahlen sind nicht verifiziert). -> Ambivalente Situation für junge Geisteswissenschaftler_innen in Kulturinstitutionen im gegenwärtigen Deutschland.
Zukünftig wird es verstärkt um die Verbindung von Wissenschaft und Praxis gehen. Dabei werden zunehmend auch Aspekte des Managements relevant (wirtschaftliche, strategische und öffentlichkeitswirksame Maßnahmen). In Institutionen arbeitet über die Hälfte aller Mitarbeiter_innen im nicht-wissenschaftlichen Bereich. Nur wenige Volontär_innen, Direktor_innen etc.. Die Wissenschaftslandschaft in der BRD reagiert mit über 230 Weiterbildungsprogrammen für Kultur-und Medienmanagement auf diesen Trend. Bedarf an praxisorientierten Studiengängen ist ebenfalls sehr groß.
PD Dr. Katharina Rohlfink: Professorin/AG Leiterin Universität Bilefeld
Familie und Karriere: Risikobereitschaft, Durchhaltevermögen, Methodenkompetenz-und Vielfalt, Glück
Linguistische Literaturwissenschaft studiert
Promotion: Fachwechsel
Postdoc (USA) -> keine Perspektive in Deutschland, selbst Antrag für den DAAD erarbeitet, in drei Laboren gewesen, kaum Zeit zu publizieren, aber eigene Forschergruppe (Programm: Emmy Noether PhaseI),
Universität Bielefeld: AG Angewandte Informatik, Mensch-Maschine-Interaktion, Emmy Noether Phase II wurde abgelehnt, wg. zu wenigen Veröffentlichungen, aber ein Jahr Finanzierung der eigenen Stelle, mit „Auflage“, die eigene Methode zu optimieren
2006 Dilthey Fellow, von der VW-Stiftung: Gefühl des Ankommens, nach jahrelangem Straucheln zwischen Disziplinen und Methoden
2008 Leiterin einer Forschungsgruppe im Exzellenzcluster „Cognitive Interaction Technology“ . Befasst sich mit der Frage, wie „Wie kann die Interaktion mit einer Maschine intuitiver gestaltet werden?“
Daraus folgte Entfristung der eigenen Stelle. Zusätzlich konnten zwei Stellen geschaffen werden.
Balanceakt als Leiterin der Forschungsgruppe: Kann die Tiefe der Arbeit gewährleistet bleiben?
Kind(er) und Karriere
Drei Kinder: 2003 Postdoc-Phase, 2005 Bewerbungsphase, 2009 Habilitation
2003: Mann freiberuflich, kümmert sich anfangs viel um das erste Kind
2005: Mann in fester Anstellung, Unterstützung durch die Mutter
2009: 8 Monate Elternzeit, gelegentlich mit Kindern an der Uni, dann Kita und Tagesmutter
„Keine Erziehung passiert ohne Beziehung“ Zitat von Remo H. Largo aus „Kinderjahre: Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung“. An dieses Zitat versucht Frau Rohlfink sich zu halten. Kann dies an der Universität Bielefeld auch gut realisieren, man hat Verständnis für ihre Situation.
Zeit
Zeit wird zum relevanten Faktor, wenn man mit drei Kindern Karriere machen möchte: Während der Arbeit ist Zeit sehr komprimierbar— „Auch in nur fünfzehn Minuten lassen sich Aufgaben bewältigen.“ Zu Hause vergeht hingegen die Zeit sehr langsam. Gleichzeitig wird Freizeit knapp (auf Reisen bspw.).
PD. Dr. Nicole Mayer-Ahuja (Leiterin des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI)
Vier Thesen :
1) Eigene Perspektiven und Vorstellungsvermögen des eigenen Lebenswegs sind immer an das soziale Herkunftsmilieu gebunden
2) Perspektiven und Karrieren werden noch immer nach Geschlechterstereotypen beurteilt: Frauen werden anders als Männer behandelt und bewertet. Dies setzt sich in den Frauen fort: Sie wählen andere Positionen und Berufszweige.
Ein Beispiel der Außenauffassung: „Frauen mit Kind interessieren sich nicht wirklich für die Wissenschaft, Männer hingegen sind vielfältig interessiert“.
3) Vereinbarkeit von Uni und Beruf? Die Universität ermöglicht flexible Arbeitszeiten (dies bedeutet auch ein permanentes Jonglieren mit Anforderungen). Anforderungen an junge Wissenschaftler_innen haben sich in den letzten Jahren vervielfacht.
Meist ist es jedoch so, dass ein Partner in Karrierefragen zurücksteckt.
Frau Mayer-Ahuja und ihr Mann versuchen beide beides zu kombinieren: Eltern sein sowie eine erfolgreiche Forschungs-Karriere haben. Dies gelingt ihnen durch „Schlafrationalisierung“ sowie eine straffe Organisation des Lebensalltags.
4) Zukunftsperspektiven: Befristete Zeiten an der Universität bringen Unsicherheit mit sich. Welche Auswirkungen hat dabei die 12-Jahresregel? Vergrößerung der Kluft zwischen Professor_innen und jungen Wissenschaftler_innen; Erhöht den Druck auf junge Wissenschaftler_innen, „nach zwölf Jahren in Lohn und Brot zu stehen“. Im Rahmen dieses Prozesses wurden nicht mehr unbefristete Stellen geschaffen.
Tipps, die Hindernisse der Vereinbarkeit von Kind und Karriere zu überwinden
Strukturelle Zwänge erkennen
Eigene Ziele setzen. „Nur wer von seinem Lebensentwurf überzeugt ist, kann seine eigenen Themen erfolgreich platzieren“
Optimistisch und kämpferisch sein: Die eigene Zukunft(sperspektive) muss man sich erarbeiten, ferner erkämpfen!